Felix Tissi
Tinu im Reich der Sinne
Synopsis [d ]
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Eisenleger,

Eisenleger,
Eisenumleger,
Eisenverleger,
Eisenüberleger.
Eisenleger,
Eisenbeschreiber,
Eisenerfinder,
Eisenumdeuter,
Eisenerzähler.
Eisenleger,
Eisenausleger,
Eisenableger,
Eisenvorleger,
Eisenzerleger,
Eisenableger,
Eisenzusammenleger.
Eisenleger,
Eisensucher,
Eisenbraucher,
Eisenveredler.
Rostzeiger,
Rostschönmacher,
Rostverbesserer,
Rostauflader,
Rostaufzeiger,
Rostkoster,
Rostverköstiger.
Eisenleger,
Eisenzerleger,
Cécile,
Felix,
Felile,
Celix,
Xicel,
Ficel,
Celfix,
Cécile,
Felix,
Eisenleger,
Eisenverleger,
Eisenumleger,
Eisenzerleger.

Pedro Lenz



Verjährte Blutrache

Wäre eine Zange eine Zange,
wäre alles anders.

Wäre ein Nagel ein Nagel,
wäre alles anders.

Wäre eine Gabel eine Gabel,
wäre alles anders.

Wäre ein Messer ein Messer,
wäre alles anders.
Ist ein Messer verrostet,
ist alles vorbei;
alles, was schlimm hätte sein können,
hat der Rost verhindert
für alle Zeiten.
Der Rost ist ein Schmerzlinderer,
ein Hüter der Haut,
ein Samariter der Gegenstände;
der Rost macht, dass alles vorbei ist.

Vorbei die Verletzungsgefahr,
vorbei die Schneidgefahr,
vorbei die Schnittgefahr,
vorbei die Stichgefahr,
vorbei die bösen Gedanken,
vorbei die bösen Pläne,
verjährte Blutrache.
Pedro LenzVerjährte Blutrache
Wäre eine Zange eine Zange,
wäre alles anders.

Wäre ein Nagel ein Nagel,
wäre alles anders.

Wäre eine Gabel eine Gabel,
wäre alles anders.

Wäre ein Messer ein Messer,
wäre alles anders.
Ist ein Messer verrostet,
ist alles vorbei;
alles, was schlimm hätte sein können,
hat der Rost verhindert
für alle Zeiten.
Der Rost ist ein Schmerzlinderer,
ein Hüter der Haut,
ein Samariter der Gegenstände;
der Rost macht, dass alles vorbei ist.

Vorbei die Verletzungsgefahr,
vorbei die Schneidgefahr,
vorbei die Schnittgefahr,
vorbei die Stichgefahr,
vorbei die bösen Gedanken,
vorbei die bösen Pläne,
verjährte Blutrache.

Pedro Lenz



Im Eisenwarenladen

In meinem Dorf
hiessen die Eisenwarenhandlungen
Müller und Geiser,
Eisen-Müller auch
oder Eisen-Geiser.

Grüessech Herr Müuer.
Grüessech Herr Geiser.
Grüessech mitenang.

An den Samstagen
begleitete der kleine Bub,
der ich einmal war,
seinen Vater zum Eisen-Geiser
oder zum Eisen-Müller.

Redete der Vater,
der ein guter Redner war,
mit dem Eisenwarenhändler,
las der Bub
die Beschriftungen,
überall Beschriftungen.

Nagel 50 mm,
Stahlnagel 50 mm
Nagel kopflos, 55 mm
Nagel 60 mm,
Feder,
Unterlagsscheiben klein,
Unterlagsscheiben gross,
Draht,
Isolierdraht,
Bindedraht,
Schweizer Qualität,
Zange,
Kombizange,
Beisszange,
Rohrzange,
verzinkt, rostfrei,
Rollgabelschlüssel.

Beim Vater
hiess der Rollgabelschlüssel
Engländer,
aber beim Eisenwarenhändler
hiess der Engländer
Rollgabelschlüssel.

Weiterlesen,
nicht fragen,
während der Vater
über Maschinen redet,
über Bohrmaschinen
oder Schleifmaschinen
und Herr Geiser
oder Herr Müller
einen Rabatt gewährt,
einen Rabatt für meinen Vater
auf die Bosch-Bohrmaschine,
auf die Bosch-Schleifmaschine.

Weiterlesen:

Schraube 10 mm,
Schraube 10 mm verzinkt,
Mutter.

Sag Vater:
Warum steht bei der Mutter «Mutter»?

Die Mutter heisst halt so.

Auso Mueter?
So wie d Mueter?

Nei, Muetere.

Auso doch nid Mueter?

Mou uf Hochdütsch scho.

Uf Hochdütsch stoht Mutter
und nid Muttere,
aber mir säge Muetere,
e Mueter isch e Muetere.

Aber Vatter säg,
worum heisst de
d Schrube nid Vatter
oder wenigschtens Vattere?

Und lueg, Vatter, lueg,
do steit
Flügelmutter.

Gäu, Vatter,
gäu, das isch es schöns Wort:
FLÜGELMUTTER

Pedro Lenz



Goethe-Eichendorff-Lessing-Ringelnatz-Busch-Recycling

Abendlied oder: Pädu übt den aufrechten Gang
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürt Pädu
Kaum einen Hauch;
Noch klettert und kriecht er im Walde.
Wartet nur, balde
Geht er lotrecht auch.

Trauermarsch oder: Herr Dünki wartet auf den Anruf von Frl. Rebsamen
Für Frl. Rebsamen muss vor Freuden
Herr Dünkis Herze glühn,
Für Frl. Rebsamens Schweigen muss er leiden,
Für Frl. Rebsamen muß er kühn
Die leidvollen Tage zählen – und scheinen sie endlich gezählt,
Dann sagt Frl. Rebsamen sorry, sie habe sich verwählt.

Loblied oder: Erich lernt seinen Namen
Erich – endlich muß ich mir
Auch ein kleines Loblied bringen!
O! ... wie ... peinlich ... wird es mir
mich nach Würde zu besingen –
Doch ich will mein Bestes tun:
Nach dem Lernen ist gut Ruhn.
Höchstes Gut, wer ... Erich? Edgar? heisst,
ein ungetrübtes Leben,
Ach! ... ich gähn! .... mein Geist
wird matt. Nun, mag mir’s ... Enea? Erdogan? Ezra? vergeben,
Daß ich mich nicht singen kann:
Namensgedächtnistücken hindern mich dran.

Erlkönig geringelnatzt oder: Winnetou schweigt und Ruedi hört ihm zu
Als ich noch ein Apache war,
Im vorigen Leben,
Wie war das wonnig, wunderbar,
Auf dem Pferd zu schweben.
In den windigen Fluten
Wogte, wie Güte, das Haar
Der zierlichsten aller Präriestuten,
Die meine Geliebte war.
Wir jagten Büffel oder skalpierten,
Ritten harmonisch überland,
Ohne Gram, ohne Weil, ohne Shatterhand,
Die Wolken sich in Wolken wogen.
Iltschi – die Stute – spielte manchmal traurig und stellte sich bange,
Schnappte jäh nach einer Klapperschlange
Und einmal sprach sie: Indiander du, ich liebe dich!
Du wieherst nicht, du äpfelst nicht,
Du trägst ein farbloses Lederkleid
Als wüsstest du um kommendes Leid.

Ich liebe dich auch, rief ich darauf, Iltschi,
Mich reizt Deine Gestalt,
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!
Ruedi, Ruedi, dann fasst’ ich sie an,
Der Häuptling hat Iltschi ein Leids getan.
Ruedi, du schweigst, siehst, dass ich weine –
mit meiner Silberbüchse hab ich die feine
Iltschi schändlich ge –
Mir grauset’s, ich rannte bis hier,
hielt in den Armen das ächzende Tier,
Erreichte mein Tipi mit Mühe und Not,
In meinen Armen das Pferd war tot.

Rosties – Schein und Sein
Mein Kind, es sind allhier die Dinge,
Gleichwohl, ob grosse, ob geringe,
Im Wesentlichen so verpackt,
Dass man sie nicht wie Nüsse knackt.
Wie wolltest du dich unterwinden,
Kurzweg Rosties zu ergründen.
Du kennst sie nur von aussenwärts.
Du siehst Korrosion und nicht das Herz.

Christoph Simon



Makellose Gesichtsmitte

1
Heute war das Frühstück mehr als vielfältig.
Von allem ass ich, das auf dem Tisch lag:
einen Bissen Schicksal, einen Happen Mühsal,
einen Krümel Scheusal, die Augen zu Boden gerichtet,
ganz auf die Signale konzentriert,
die mir der Gaumen übermittelte.
Seit Tagen plagt er mich,
wenn ich in der Dämmerung vors Haus trete,
de-, weh- und wankelmütig zugleich,
denn mein Körper wird zusammengehalten
von allerlei rostigen Geräten,
von Schrauben, von Abdeckplatten und Antennen,
die gestern, als der Sturm über die Stadt hereinbrach,
von den Dächern fielen und nun hilflos
auf den Gehsteigen liegen.
Solange mein Stimmband genug Raum bietet,
sammle ich die Stücke ein.
Im Sommer dann, wenn sich Hals und Nacken
seitwärts dehnen, werde ich allerlei
blinde Verabredungen eingehen, keine Besonderheiten,
aber Abenteuer, auf die ich Wert lege.

Das Herz rostet nicht, meine Damen und Herren.
Im Gegenteil: Je älter ich werde,
desto schneller schlägt es in meiner brüchigen Brust.
Morgen werde ich aufstehen,
und das Frühstück wird mehr als vielfältig sein.
Von allem werde ich essen, das auf dem Tisch liegt:
einen Bissen Wollust, einen Krümel Gier,
ganz auf die Signale konzentriert,
die mir der Gaumen übermittelt.
Ich überlasse es Ihnen,
sich meinen Seelenzustand vorzustellen,
doch halten sie vorher Ausschau
nach Schrauben, Abdeckplatten und Antennen,
und vielleicht liegt auch ein Gaumen auf dem Gehsteig.

Christoph Simon und Rolf Hermann