Felix Tissi
Aus heiterem Himmel
Kinospielfilm von Felix Tissi und Dieter Fahrer | CH 1991



Die alltägliche Physik der Geschichten

Wie hängen die Dinge des Lebens zusammen?

Wenn am Morgen in Einerkolonne die Stadt-Busse aus dem Depot fahren und sich allmählich verteilen auf die verschiedenen Routen, wird die Ordnung des Alltags hergestellt. Diese Ordnung, so selbstverständlich, so unausweichlich sie scheinen mag, erweist sich aber oft als äusserst labil.
Ein Photograph, der im entscheidenden Moment nicht abdrückt, ist seine Stelle los; eine Krankenschwester, die für's Leben gerne Romane liest, muss sich Nacht für Nacht mit Raffinesse daran hindern, schlafwandelnd auf das Fensterbrett zu steigen, um einfach davonzufliegen. Am liebsten davonfliegen möchte auch die Siebzehnjährige, die mit ihrem Vater auf dem Land lebt und immer wieder abhaut, irgendwohin, wo das Leben stattfindet. Und die Serviererin in einer Quartierbeiz, sie sehnt sich aus ihrem Alltag heraus nach Liebe. Was haben diese Menschen in ihrer Vereinzelung miteinander zu tun? Und was hält sie in ihrem Alltag fest?



In ihrem neuen Film "Aus heiterem Himmel" erzählen Felix Tissi und Dieter Fahrer nicht nur fünf verschiedene und lose miteinander verbundene Geschichten; sie stellen zugleich die Frage, wie in unserem oft so öden Alltag Geschichten überhaupt zustande kommen.



Sehr zufällig geschieht es, dass die fünf Hauptfiguren im Film sich da und dort begegnen; nicht immer hat so eine Begegnung etwas zu bedeuten. Als geübte Kinobesucher meinen wir oft zu wissen, was kommt, denn wir kennen die Clichés, die der Film anbietet. Wir können uns aber irren, so wie der junge Mann, der eines Nachts auf der Aarebrücke einer Frau begegnet, die ins Wasser schaut. Als Fotograf im Interpretieren von Bildern ganz besonders geübt, meint er, dass sie dabei sei, sich das Leben zu nehmen. Ein Missverständnis, aber dann wird eine ganz andere Geschichte daraus.



Über dem Horizont des Tatsächlichen spannt dieser Film (im Kopf des Zuschauers) das luftige Gewölbe dessen, was noch nicht wirklich, nur erst möglich ist. Vieles passiert dann wie aus heiterem Himmel, aber immer geschieht es vor dem Hintergrund zahlloser Möglichkeiten, von denen die eine oder andere ganz einfach zutreffen muss! So offenbart der Film im banalen Alltag ein ganzes Gewebe von Geschichten. Und wie der Flügelschlag eines Schmetterlings irgendwo in Australien entscheiden kann, ob Wochen später in der Karibik ein Orkan losgeht, so kann - diese Erkenntnis der Chaos-Forschung aus der Meteorologie ins Poetische gewendet - eine kleine Lüge, eine Träumerei, ein dummes Missgeschick darüber entscheiden, ob zwei Menschen zusammenkommen oder nicht, ob sich jemand das Leben nimmt, ob der Alltag aus den Fugen bricht oder alles weitergeht, als wäre nichts geschehen.



Ein türkischer Arbeiter, der Heimweh hat, seine Eltern aber nicht beunruhigen möchte, schreibt nachhause, wie gut es ihm gehe in der Schweiz. Dass er Freunde habe, und einer habe ihm sogar eine Videokamera geschenkt. Und vielleicht ist er es, der alles ins Rollen gebracht hat. Denn nachdem seine Eltern in der Türkei prompt (mit geliehenem Geld!) ein Abspielgerät gekauft haben und gespannt auf den ersten Video-Brief mit Bildern von jenem Freund warten, bleibt dem guten Mann gar nichts anderes übrig, als sich auf die Suche zu machen nach so einem Freund...
Vielleicht hat diese kleine Lüge den entscheidenden Ausschlag dafür gegeben, dass sich am Ende des Films, ganz unscheinbar und wie selbstverständlich, etwas Unwahrscheinliches ereignet. Vor dem Hintergrund von Tissi und Fahrers "heiterem Himmel" erscheint aber auch dieses Unwahrscheinliche nur als Sonderfall des Gewöhnlichen. Das Wundersame tritt ein, wenn sich die Materie des Alltäglichen in der Zeit jäh "verdichtet".
Felix Tissi und Dieter Fahrer haben in diesem Film eine grosse Frage präzise gestellt. Diese Frage, und damit der Film, ist ungeheuer zeitgemäss.
(Rolf Niederhauser, Schriftsteller)

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